Zum 75. Todestag von Anton Geiß

Veröffentlicht am 11.03.2019 in Ortsverein

Rede des Ortsvereinsvorsitzenden Axel Breinlinger.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Wir stehen heute am Grab der Eheleute Geiß. Der Ehemann Anton Geiß ist, 9 Jahre nach seiner Frau, heute vor 75 Jahren in Schriesheim gestorben.

Er war vergessen, dieser Anton Geiß. 1952 vermerkt der Große Brockhaus unter dem biografischen Stichwort "Geiß" nur "Moritz Geiß" , im 19. Jahrhundert  "Gründer der Industrie des Kunstzinkgusses in Berlin". 1987 weiß die  Brockhaus Enzyklopädie nur noch, dass "Geiß" der Name für das weibliche Tier der Reh- und Ziegenartigen ist.

Dass man Anton Geiß vergessen hatte, mag 1952 wie auch noch 1987 daran gelegen haben, dass er keine Industrien gegründet, sondern in ihnen gearbeitet hat. Vielleicht auch daran, dass Arbeiter und Handwerker ihre Arbeit, aber nie viel Aufhebens von ihrer Person machen.
Anton Geiß war von Beruf Schreiner. Also Handwerker wie Heidelberger Sattler Friedrich Ebert. 1858 im bayerischen Allgäu geboren hatte er sich nach 20 Lehr- und Wanderjahren  1891 in Mannheim niedergelassen. Ein "Zugereister" Handwerker also!    

Geiß, der wie Ebert sein Einkommen durch Betrieb einer Gastwirtschaft aufbessern musste,  war seit 1896 Stadtrat in Mannheim und seit 1897 Mitglied des badischen Landtags. Ab 1909 war er erster Vizepräsident des Badischen Landtags und im November 1918 Landesvorsitzender der badischen SPD.

November 1918!

Nein, Anton Geiß war kein Revolutionär. Wie Friedrich Ebert gehörte er zur Mehrheitssozialdemokratie. Er hatte versucht, die Einheit seiner Partei über die Zerreißprobe der Kriegskredite zu bewahren. Auch in Baden war das nicht gelungen. Die Situation im November 1918 war für den Vorsitzenden der badischen SPD schwierig:

Das Kaiserreich hatte zwei Generationen verbluten lassen – und dennoch den Krieg verloren. Die Heimat verhungerte oder verendete an der Spanischen Grippe. Der Adel hatte das Reich nicht in glorreiche Zeiten, sondern in eine Katastrophe geführt. Die Staatsform der Monarchie war am Ende. In Baden kam  1918 hinzu: 1848/49 lag gerade einmal 70 Jahre zurück, also weniger lang als für uns heute das Kriegsende 1945.  Dass der Aufstand für die Republik 1849 in der Festung Rastatt niederkartätscht worden war, hatten die Badener nie vergessen!

Aber, und das machte den Unterschied zum benachbarten Königreich Bayern aus, das regierende Fürstenhaus der sich selbst so nennenden Zähringer, auch nicht!

Die badischen Großherzöge hatten die konstitutionelle Monarchie mit einer der liberalsten Verfassungen Deutschlands seit Mitte des 19. Jhdts. vergleichsweise fortschrittlich gelebt. Mit der Kirche standen sie nach der Konkordatsaufkündigung 1860 durch den Landtag im Kulturkampf. 1868 gab es die erste Simultanschule, 1896 das erste Mädchengymnasium und 1900 den Hochschulzugang auch für Frauen. Die Rede war vom badischen "Musterländle" Im deutschen Adel waren die Zähringer sozusagen die schwarzen bzw. roten Schafe.

Anton Geiß stand  also vor schwer einzuschätzenden Kräfteverhältnissen, als er am 8. November 1918 eine Abordnung anführte, die den großherzoglichen Ministerpräsidenten Johann Heinrich von und zu Bodmann zum Rücktritt aufforderte. Auf der einen Seite das aktuelle revolutionäre Potential, auf der anderen Seite eine Fürstenhaus, das sich mit vergleichsweise liberaler Politik Anerkennung erarbeitet hatte.

Und dann erhält Anton Geiß am 10. November in Mannheim ein Telegramm  mit Nachricht vom Rücktritt von Bodmanns und den legendären Sätzen: "Komm sofort nach Karlsruhe. Du bist Ministerpräsident."

Dazu, genauer: zum "Vorsitzenden einer Vorläufigen Volksregierung", hatten ihn ein Soldatenrat und ein Wohlfahrtsausschuss in Karlsruhe gemacht. Es war Revolution. Aber die Revoutionäre in Karlsruhe hatten geschickt ausgesucht: Anton Geiß war Vertreter der einfachen Leute, die unter dem verlorenen Krieg am meisten litten und gelitten hatten. Zugleich galt er als persönlich untadelig und vertrauenswürdig, von Linksaußen bis ins Fürstenhaus.

Tatsächlich gelang es ihm schließlich  in der Nacht zum 14. November, den Großherzog Friedrich II. zunächst zum Verzicht auf die Ausübung der Regierungsgewalt zu bewegen. Und eine Woche später unterzeichnete der Fürst für sich und sein Haus auch die förmliche Abdankungsurkunde. Verhandelt hatte für Volk und Land: Anton Geiß.

Es folgte ein Wirbel von politischen Ereignissen: Neuwahlen; Geiß wurde als Führer der nunmehr stärksten Kraft SPD zum Ministerpräsidenten auch gewählt; Verfassungsgebende Versammlung ab 15. Januar 1919; Annahme der Verfassung durch Volksabstimmung; Wahl von Anton Geiß zum ersten Staatspräsidenten des Freistaates Baden auf ein Jahr am 3. April 1919.

Es gibt jedoch noch einen weiteren Beweis seiner historischen Größe: Am 26. März 1920  wurde Anton Geiß für ein weiteres Jahr in seinem Amt als Staatspräsident bestätigt. Jedoch erkennt er in den nächsten Monaten das Erstarken des Zentrums an und macht am 14. August 1920 durch Rücktritt den Weg zu einer Regierungsumbildung frei. Es ging ihm darum zu vermitteln, dass in einer Demokratie einmal überantwortete Entscheidungsgewalt nicht auf Ewigkeit usurpiert wird!
Anton Geiß ist zu Unrecht vergessen worden. Er war von wirklicher  Größe. Wir danken denjenigen, die seine Spuren in Schriesheim bewahrt haben: die, die auf den drohenden Verlust der Grabstätte aufmerksam machten, Bürgermeister Riehl, der mit der Einrichtung eines Ehrengrabes reagierte, Dr. Weber und Konstantin Groß, die den Artikel im Jahrbuch 2008 auf den Weg brachten, Günter und Annemie Brand, die sich seit Jahren der Pflege des Ehrengrabes annehmen, Frieder Menges, der die Gedenktafel am letzten Wohnsitz in Schriesheim angeregt hat, der Stadt Schriesheim und Bürgermeister Höfer, die am 75. Todestag von Anton Geiß das heutige Gedenken zum Anliegen der Stadt gemacht haben.

Wir alle wollen mit der Kranzniederlegung unser Eintreten für Demokratie und den Respekt vor einem großen Demokraten bekunden!   

Axel Breinlinger

 

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